Es regnete später, der Zug stand schon heut morgen bereit. Die Türen ließen sich nicht öffnen, der Kaffee war noch frisch und demnach auch heiß. Leute warteten, warteten auf ihre Fahrt nach Hamburg, in die Richtung, auf den Einstieg und ich mit ihnen mit, ich wartete auch nur darauf später wider umzusteigen, einen anderen Weg einzuschlagen, nach Berlin zu reisen. Einfach weiter reisen, des Reisens wegen, um andere zu besuchen, freie Tage zu nutzen.
Erst aber wieder angereist, angekommen aus Praha und dann auch mal wieder weiter. Die Wege nach Praha waren angerostet, eingefallen, spannend. Plzen zehrte uns alle raus der Bahn. – Change, change! – Zuvor eine ältere Dame, die die Abteiltür aufriss – der Zug endet hier, alles muss raus -. Sie war übereifrig, wollte behilflich sein, aber war dabei eher unbeholfen, rabiat, unschön. Auch die Sonne schien nicht. Wir wollten sitzen bleiben, hatten für eine direkte Verbindung diese Bahn genommen, waren angefressen vom Redefluss eines Bajuwaren, der zuvor noch im Abteil saß, einer jungen Filmprduktions-BWLerIn die Welt erklärte, mit nem anderen Bajuwaren sich lustig machte über alle anderen Nichtbajuwaren und der sein Bier anhimmelte (seiner leichten Gesichtsröte nach zu urteilen, konnte man sich sein Saufgelage deutlich vorstellen), der aber glücklicher Weise mit den anderen beiden doch früher, vor dem Grenzübertritt ausstieg. Die Freude war groß, der Tag gerettet. Nun war aber dann doch der Ausstieg in Plzen. – Change! Alles muss raus! -Der andere, der tschechische, der ehemalige DDR-Zug fuhr auf einem anderen Gleis ein. Nur Touristen, fast nur deutsche Touristen standen am Bahnsteig, bei dem Rost an den Zäunen, neben dem Putz, abgebröckelt von den Fassaden, hinter der interessant wirkenden Kulisse einer alten Stadt mit guter Braukunst. Der Zug fuhr ein, alles stürmte, die Rucksäcke der Touristen wackelten hin und her auf deren Rücken, die Koffer rollten springend auf dem Bahnsteig, die Leute sprachen durcheinander fast nur in deutsch. Es war ja auch Feiertag, ein Tag für eine Gelegenheit zum Betrinken, zum Feiern mal nicht Daheim. So sah es dann auch aus. Der Zug füllte sich schnell und unübersichtlich. Es saßen schon Leute drin. Sie saßen brav und waren am pendeln. Die Deutschen stiegen ein, schrien sich an, blieben in den Gängen stehen und ein jeder trank aus einer Dose, Flasche Bier, gutes Bier aus Plzen. Besoffen, betrunken lärmten sie, machten sich verbal breit im Zug, in der tschechischen Eisenbahn. Keine Freude war bei dem Anblick zu verspüren. Die Flaschen flogen auf den Boden, das Bier floss die Gänge entlang, Amerikaner standen am geöffneten Fenster und unterhielten sich über Gott und die Welt. Praha sollte nur noch eine Fahrstunde entfernt sein, es waren aber zwei und noch was dazu. Die Stadt empfing uns. Die Unterkunft war schick, versehen mit goldenen Gardinenstangen, nem kleinen, netten Kronleuchter, Mucha-Reproduktionen an den Wänden. Die griechische Botschaft war gleich um der Ecke und der Polizeischutz stand dabei. Mit den Straßenbahnen, die direkt in der Nähe ein Halt hatten, konnten wir in die Stadt, in die Höhle des Touristenlöwen fahren, aber auch in die anderen, interessanteren Bezirke Prahas. Deutsche Touristen wo man stand, wo man ging, wo man verweilte. Deutsche Touristen lachten über Geschäfte (-Giftshop, haha, die verkaufen Gift. – sprach die Frau, um die sechsundvierzig in einer dunklen mit gelben Streifen versehenen Wolfhautjacke zu ihrem Mann in einer dunklen und braunen Streifen versehenen Wolfshautjacke eingepackt, um die achtundvierzig neben ihr her schlenderte, der daraufhin erwiderte: – Ja, haha. – in einem tief irgendwas deutschen Dialekt.) Junge Damen checkten mal schnell so einige Boutiquen aus. Mit der Innenstadt hatten wir uns kaum anfreunden können, somit ging es weit ab vom Trubel, in die Gegenden, wo man sich so halbwegs mit Englisch durchschlagen konnte, wo die Häuser aussahen, wie sie aussehen, wenn gewohnt wird, wenn die Stadt lebt. Ja ja, ein Ecke die gefiel und noch gefällt, für gutes Essen, viele kleine Dinge, für den Einblick in eine andere Stadt.
Die wenigen, drei, vier Tage waren bedauerlicher Weise viel zu schnell vergangen und Praha war schnell wieder weit, weit in der Vergangenheit. Diese Stadt ist aber immer wieder eine Reise wert, obwohl mein letzter Besuch schon fast dreizehn Jahre zurück lag, zu diesem Besuch. Ein Ort zum Entspannen. Nur nicht die Innenstadt.

Naja, da war dann schnell mal wieder München aufgesucht mit einer lustigen Rückfahrt, bei der zwei Fensterplätze reserviert im Abteil ab Praha vor sich hin leer, unbesetzt blieben, lagen. Einige Tschechen wollten sich da platzieren, aber just im Moment, wie sie erfuhren, dass diese Plätze reserviert seien, gingen sie auch schon weiter, ohne Stress, ohne Probleme, ohne sich aufzuregen, dass sich keiner da platzierte. Eine ältere Dame mit ihrer möglichen Tochter setzen sich aber trotzdem, nach dem wir schon so einige Stationen abfuhren. Alles war recht entspannt, die eine Hälfte sprach tschechisch die andere deutsch. Eine Mutter mit ihrem Sohn setzte sich in den Gang. Sie schliefen recht schnell ein, beide ans Fenster gelehnt. Tiefschlaf. Wir erreichten Plzen, die Mutter sprang auf, rannte verschlafen los, weiter, der Junge griff nach ihrer Hand, rief ihr hinterher. Sie ließ ihn allein da sitzen, er sprang aber noch hinterher. Erst dachte ich sie wollte aussteigen, alles verlassen, doch sie setzte sich nur in ein Abteil, auf die Sitzbank, der Junge neben ihr. Überraschung, alles noch gut gelaufen. Der Junge blieb weiter mit der Mama.
Doch unser Abteil wurde bevölkert von neuen deutschen Fahrgästen. Er trug ein rotes Hemd, dass ein wenig zu kurz war um die Bauchgegend, dass dieser hervorschimmerte. Sie trug eine Bierdose in den Händen. Beide verkündeten laut, dass sie die Platzier seien, sie die Plätze reserviert haben. Er versuchte die Koffer abzulegen, auf, unter, neben meinem Rucksack. Sie rief nach Luft. –Oh, ist das stickig und warm hier, da muss man die Fenster mal öffnen. – Sie versuchte im Gang, im Abteil eine Fensteröffnungsaktion. – Die gehen ja gar nicht auf, die gehen überhaupt nicht zu öffnen. Wir ersticken! – Sie zehrte, sie riss, sie versuchte alles, um diese Fenster zu öffnen, die Dose Bier vorsichtshalber schon mal abgestellt. Er kümmerte sich um die Koffer, legte diese in die Kofferablage, mein Rucksack auf deren roten Koffer. Er half ihr nicht, schaute nur zu und sie sprang diese Fenster förmlich an. Ihr Bier stand in der Dose auf dem Fenstertisch. Er steckte sich gleich unverzüglich Ohrkopfstecker seines mp-3s in die Ohren, auf dass er sie nicht mehr ertragen musste. Später tat sie dem gleiches und war überrascht worden, von der Aggressivität in der Musik der Scorpions. Viele Fahrstunden später, nachdem sie ihre Augen geschlossen daher saß, tippte er sie an, um was ihr zu berichten, zu fragen, einfach zu sagen, da schrie sie auf und war wie von einer Hornisse gestochen. Die Scorpionsaggressivität sprang auf sie über und steigerte sich zu einer höheren unangenehmeren in ihr. Ihr war kalt, die Fenster blieben geschlossen. Dann kurz vor München schrie sie ihn regelrecht an: – Wir steigen früher aus! Vom Hauptbahnhof wieder durch die Stadt will ich nicht. Das dauert zu lang. – Sie stiegen mit recht freundlicher Verabschiedung aus, das Abteil wurde leer, wir saßen unbeobachtet, allein, im halbdunkeln da und hatten noch ein paar wenige Fahrminuten unser Abteil.

München war kalt, arbeitsam, voll Hektik, ohne Rast. Nur zwei Tage blieben mir vor Ort, um wieder dieses zu verlassen. So tat ich es und der frühe Zug stand noch geschlossen am Bahnsteig, auf dem Gleis. Wenige Minuten mussten die Leute und ich warten. Alles stieg ein, mein Sitznachbar hatte Probleme mit seinem Rechner. Der Getränkeverkaufsmann lächelte unabänderlich vor sich hin, verkaufte heiße Getränke an ältere Damen für unhöfflich hohe Preise. Und er lächelte weiter. Der Regen setzte ein, mein Umstieg in Nürnberg war knapp bemessen und verregnet, sehr sogar. Im Zug nach Berlin schlief ich gut und gern lang und die Dame neben mir sitzend, in Leipzig zugestiegen, tippte mich an, damit sie mal die Örtlichkeiten aufsuchen, also an mir vorbei konnte. Ich erschrak, sprang aus meinem Tiefschlaf und ließ sie durch. Wir sprachen dann noch darüber, wer wo hin reise und dass es doch immer wieder eine ganz aufregende Sache wäre, umzusteigen. Südkreuz erreicht, stieg ich aus, sah ein Filmteam am Filmen auf dem Bahnsteig, komisch dreinschauende Leute, Menschen mit Bierflasche in den Händen am U-Bahnsteig auf und ab laufend, wie Katzentier in einem Tierpark. Alles lief langsamer, die Uhren, die Leute, der Verkehr. Die Wärme brach gestern, heute auf alle ein, erzeugte am Abend gestern in der Mischung von Feuchtigkeit des ausgesetzten Regens Nebel.
Mein Aufenthalt in Berlin wird wohl mit warmer Luft, nun einbrechender Sommerlichkeit begleitet. Ich bin da und werde bleiben bis ich wieder fahre.