Das Phantom von M.

Da saß dieser Junge, mit seinem halblangen Haar in schwarz. Er war bestimmt besoffen, denn er schlief im sitzen und sein Kopf fiel, fiel andauernd nach vorne, wieder zurück und wieder nach vorn über. Ganz langsam nach vorn über viel dieser Kopf und war in windes Eile wieder zurück in bekannter, ganz normaler Stellung eines Kopfes. Die Augen waren geschlossen. Sein Nasenring, sein dickes Metall durch seine Nase blinzte im Lichte der Nacht. In dem Moment fiel es mir dann ein, ich kannte diesen Jungen aus vielen Ecken Münchens, vom Sehen her. Er erschien überall, überall da wo ich ihn nicht zu sehen erwartete, wie eben diese Nacht. Oft sah ich ihn am Tierpark, an der Isar, mal mit nem Kasten Bier in den Händen, mal mit nur einer Flasche, mit Freunden von Ihm (so wie ich es einzuschätzen vermochte), sah wie eh und je aus. Dann war er auch mal in der Stadt, inmitten der Stadt, aber sehr oft einfach nur vor dem billigen Lebensmittelladen anzutreffen. Immer ein oder zwei oder drei Bier dabei. Irgendwie dachte ich mir schon vor ner Ewigkeit von diesem Nasenringeinwohner der Stadt verfolgt zu werden. Er war eben auch mein fast erster Eindruck der Jugend dieser Stadt.
Nach dem sich einige viele Menschen mehr um ihm bewegten und regten, erwachte er, bewegte seinen Kopf auf, dann von links nach rechts, öffnete den Mund mit der linken Lippenhälfte voraus aufziehend und deutete einen gesungene Schrei nach. Er schien Musik zu hören, zu genießen, mit zu erleben. In dem Moment konnte ich es nicht so recht einschätzen, ob ich amüsiert sein sollte, Mitleid haben müsste oder doch nur als gegebene Gegebenheit hinnehmen sollte. Ich entschied mich nach weiteren Beobachtungen für das letztere. Er bewegte den Kopf immer heftiger, so dass selbst sein halblanges Haar im Zuge wehte. Die Leute um ihn wirkten zwar irritiert, aber nicht so dass sie sich von ihm abgewandt hätten. Die meisten waren eh angetrunken und in nem ähnlichen Bewusstseinsstadium. Sie bewegten sich fast mit.
Bin mal gespannt, wann und wo ich ihn das nächste Mal wieder antreffen werde, vielleicht in der Seifenabteilung von Karstadt (die übrigens hier nicht so gut sortiert ist, wie die, die ich in Berlin erfahren durfte), aber vielleicht auch in der Pinakothek der Moderne neben einem Stuhl, entwickelt in den zwanziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts oder einfach doch nur wieder irgendwo auf der Strasse von München mit ein paar Bier. Und er bewegte sich immer stärker mit seinem Oberkörper, zu einer sich zu bewegten Musik, scheinbar. Diese Jugend, diese münchener Jugend. Anzutreffen überall, Phantome der Strassen.

Schwarze Sterne und große Bäume

Ohh, manchmal ist es wirklich äußerst merkwürdig, da werde ich sehr, wirklich sehr früh wach und denke mir, dass viel Zeit noch zum Weiterschlafen, Ausschlafen ist und dann sitze ich so daher, lese in nem Buch, lausche den Vögel beim Beschallen des erwachenden Tages. Liegt es nun schon am Alter? Werde ich in kürzester Zeit ein Frühaufsteher, der fünf Uhr morgens die Küche putzt und dabei einen entkoffeinierten Kaffee nach dem anderen trinkt? Oder ist es nur für kurz und in wenigen Tagen komme ich nicht mal um elf Uhr in die Gänge?
An den Träumereien, den all nächtlichen, die sich übrigens in letzter Zeit wieder mal intensiv eingestellt haben, kann es nicht liegen, weil die nicht sehr im Alb sich befinden, also eher in so ner Zwischenposition. An der Arbeit liegt es ebenso nicht. Vielleicht ist die Wetterumstellung von verdammt heiß zu angenehm kühl die Ursache? Es ist mir gerade sehr angenehm mit dem Wetter. Diese Hitze entspricht nicht meinem Wohlfühlsein. Jetzt kommt der Herbst und ich werde früh wach. Na dann, lese ich mal weiter und genieße es, so lange es geht, denn ich glaube in den Wintermonaten werde ich nicht früh wach werden wollen, weil es so dunkel ist und ich zum Lesen das Licht anschalten muss. Mal schauen, vielleicht liegt es doch am Alter und werde dann selbst in der Winterzeit die frühen Stunden des Tages erleben können.

Ne Begegnung mit nem Biber, aber ohne Zahnpasta

Da saß ich doch mal so an der Isar, nahe der Museumsinsel und schrieb so meine kleinen Tagesproblemchen und den ganzen anderen Kram in mein noch kleineres Büchlein. An dem Tag war schon einiges ein wenig durcheinander gelaufen. Who cares?

Die Isar floss so vor sich hin. Mal ein paar Enten in der Strömung cööl entlanggeschwommen. Dann erblickte ich doch so nen komischen Baumstamm, der recht ergonomisch, also eigentlich aquaplanisch wirkte, genau richtig um schnell die Isar entlangzuschwimmen. Plötzlich bewegte es sich von links nach rechts und trieb weiter und zeigte sein Schwanz. Ah ja, dachte ich, ein Baum mit Schwanz in ner super geschmeidigen Bewegung. Also doch nur n Biber. Wäre ihm aber schon gern hinterher geschwommen, um einfach mal zu sehen wie so sein Tagesablauf, ja in dem Fall Abendablauf so ausschaut. Dann aber doch nicht getraut, weil das Wasser dreckig aussieht, nen richtig gut Lauf gerade hat und mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich kalt sein könnte. Das Wasser läuft gerade richtig gut. Dann doch das Buch eingesteckt, ins Forum fürs Filmfest gegangen und nen wirklich guten Takeshi gesehen. Er ist zwar alt geworden, kann es aber immer noch recht ordentlich mit dem Filmen.

Eine Ladung mit dem Lastkraftwagen durch ein Strich des Landes führen und liegen lassen

Es regnet und regnet. Der Film im Kino war unregnerisch. Dieser war voller Sonne und wirklich ein unheimlicher, sehr guter dazu. Alle anderen. Es regnet aber weiter. Den ganzen Tag lang. Selbst jetzt. Auch das wird vergessen sein. Dass es heute regnete, werden wir vergessen. Nur statistisch vermerkt, können wir immer wieder die Angabe machen, es war heut ein regnerischer Tag. Es werden nicht alle das behaupten können. Denn nicht alle sind hier und hier ist nicht überall und überall ist nicht wie hier gerade, eben und zuvor. Aber ich weiß es gerade, es regnet. Viel davon. Morgen vielleicht nicht. Ich weiß es gerade nicht. Nur heute regnete es und immer noch. Wenn ein Auto, Lastkraftwagen, Omnibus durch den durchnässten Asphalt schießt, dann spritzt es. Dann nässt auch alles andere. Der Asphalt regnet dann. Nicht nur der Himmel, die Wolken laufen aus. Auch der Asphalt wird im Falle von Automobilen, Kraftfahrzeugen zum weinenden Etwas der Welt. Wir weinen mit, durchnässt und baden unser Haar in die Wohne eines trocknenden Handtuches. Lasst uns den Schirm der Gegenwehr spannen! Es lebe die Revolution im regnerischen um uns drumherum! Nieder mit dem Nichtwohlgefühl!

Es ist ein Konstrukt der angesagten Liebe zum Nichtleben in dieser Stadt

Vor gut zwei Tagen bewegte ich mich mal wieder in das Nachtleben dieser schwierigen Ortschaft. Raus musste ich mal wieder. Raus aus dem kleinen, niedrigen Zimmer. Raus aus den langweiligen, einsamen Abenden. Hinein in das Leben. Hinein in den Spaß. Hinein in das Nachtleben. Clubbing. Time to clubbing. Das dachte ich mir zwei Tage zuvor.
Somit suchte ich was entsprechendes und fand es auch. Eine dänische Band spielt und danach noch Tanzmusik. Das war für nur weniges Geld doch eine sehr anzustrebende Unternehmung. Auf die Band musste ich dann doch ne weile warten, war wie ich mir zuvor dachte etwas zu früh dran. Aber hier weiß man nie so recht. Dann trat diese doch eher an ne dänische Dorfschulband erinnernde Combo mit nem doch recht gut abgemischten Sound auf und machte ihre Show annehmbar. Aber eigentlich wirkten sie die ganze Zeit weiterhin wie eine Schulband, mit viel zu viel Arroganz und zu wenig Professionalität im Auftritt. Der Sound war aber gut abgemischt. Nach dem Auftritt gab es nette Musik, tanzbare Musik. Ich trank, so wie ich mir es vorgenommen habe, kein Helles, sondern Heinken. Den ganzen Abend Pils, also gutes Bier. Zwar teurer, aber erträglich. Verträglich.
Nun schwang ich auch ein, zweimal meine Tanzbeine und bemerkte erst nach einer guten Weile, dass der Laden sich doch leerte. Da waren dann auch zwei nett wirkende weibliche Genießer der Musik. Es war schon schwer sie anzuquatschen. Mit dem Nett sein war ich doch voreilig. Arrogante kleine bayrische Schweinchen. Mehr kann man nicht dazu sagen. Leider, aber wahr.
Da war ich ja doch ganz froh, die wirkliche Seite dieser bayrischen Schweinchen kennen gelernt zu haben. Da kann man diese dann das nächste mal getrost ignorieren. Da fand sich dann auch noch ne Gruppe komischer T-Shirts ein. Eine wirklich nett Ausschauende aus dieser Gruppe war sogar bereit mit mir zu reden. Eine nette Unterhaltung, die schnell ihr Ende fand, da allesamt vom Lande kommend, in der „“Stadt“ von einer Person die Junggesellen-Abschiedsfeier zelebrierten, müde wurden und die Heimat aufsuchen wollten. Diese Dorfis waren nicht in der Lage den Weg allein zu finden, also musste meine Gesprächspartnerin ebenso von Dannen ziehen. So zog ich dann auch mal weiter. In den nächsten Schuppen.

Da war mal wieder voll, wie immer. Brechend voll. Sehr viele, viele, volle, volle Einwohner und auch Nichteinwohner. Da waren bestimmt auch andere Betäubungsmittel im Spiel. Es roch aber am meisten nach Alkohol. Ja das roch stark danach. Kurze Zeit da, ein Bier (Pils) eingeschüttet. Und wieder rausgeworfen, da Schließzeit war. Eigentlich kein angenehmer Moment des Verweilen, da es kurz war und nicht wirklich toll. Es bohrten sich auch mal wieder kleine Glassplitter in meine Schuhe, wie einst schon mal da drin. Somit musste ich mich für entweder den Heimweg entscheiden oder in den nächsten Laden gehen. Wie sollte es auch anders sein. Es fühlte sich an wie ein nackter Pudel unter Wölfen zu sein. Ich zog in den nächsten Laden. Bevor es immer kälter werden sollte und ein Mephistopheles im Spiegelbild zurückgrinst. Es wurde der letzte Laden der Stadt. Da wo alle noch zum Schluss hingehen. Und niemand weggehen will. Mann steht dann davor und wartet auf den Einlass. Einmal drin, nie mehr raus. Bis der Schluss einkehrt, der Sonnenaufgang am Horizont erscheint, die Toiletten überquollen sind. Nun eingekehrt suchte ich nach einer Tresenkraft, wegen eines Bieres.

Ich verspürte nach kurzem Warten, dass ich eigentlich Bier zu genüge hatte und nichts mehr zu trinken wagte. Ein Platz in einer Ecke wurde frei und ich platzierte mich. Es war ebenso brechend voll. Ein nettes Mädchen mit Hut, vom Dorf, bereit zum netten Plausch setzte sich neben mir. Wir unterhielten uns über die Leute und was eigentlich um uns geschah. Ein junger Herr mit roter, sehr roter Nase setzte sich neben mich und war auf Aggressivität im ersten Moment eingestellt. Nach dem Wechsel von ein Wörtern hier und da, erfuhr ich, dass er aus Berlin kam, den Laden nicht verstehen konnte und im Auftrag von Karrera Klub unterwegs sei. Aber diese Stadt wäre nicht bereit für diesen Klub. War mir eigentlich irgendwie egal. Zwar hab ich früher viel diese Einrichtung besucht, aber warum sollen die in ne andere Stadt. Wer weiß? Der junge Herr mit der Nase wollte aber nicht mehr. Der Laden war ihm fremd. Um diese Zeit ist Karrera Klub aberauch immer vorbei. Aber mit ihm war ein anderer Herr, mit viel Haar in alle Richtungen auf dem Kopf. Also erst dachte ich,dieser Herr mit dem Haar wäre mit dem Herrn und seiner Nase, aber scheinbar wohl nicht. Der Herr mit dem Haar,war aus Paris, in New York lebend aber gerade Berlin erlebend. Der war, ist DJ. Und war auf Plattenauflegedurchreise da und reiste später wieder zurück nach Berlin. Ihm war es ein Spaß vor Ort. Alle wollten was von ihm. Er wollte aber von den anderen nichts. Er sprach zu mir und wir unterhielten uns. Es war eine recht amüsante Unterhaltungskonstellation, das nette Mädchen mit dem Hut, der Typ mit den Haaren und meine Wenigekeit mit Parka in Spinatgrün. Und alle anderen um uns. Es wirkte wie ein Sci-Fi-Film_Oper der 80er. Es waren die Gestalten auch so gekleidet. Blade Runner lässt grüßen. Ein 45-jähriger mit Krawatte, schmal aus Leder und blüschigem Hemd zum Beispiel oder ein Typ mitte 50, der wohl nie die 90er oder das neue Zeitalter je mitbekommen zu haben schien. Dem DJ war er unheimlich, er meinte nur, der Typ könnte sein Vater sein. Alle hingen wie ausgehungerte, futuristische Gestalten der Vergangenheit an diesem DJ aus New York. Er wollte nicht, hatte aber viel Spaß und kam immer wieder zurück. War echt lustig drauf und war auch ganz schön angetrunken.
Wie dann aber alle hinausgebeten wurden, erzählte mit die Dame mit Hut, dass ihr Schlafplatz gerade nicht erreichbar sei, daraufhin bot ich ihr dann einen Platz bei mir an, nur zum Schlafen, zu Ausruhen. Sie willigte ein und bestand auch darauf, nur zum Schlaf. Ich meinte auch nicht mehr. Der Morgen war einfach zu amüsant. Sie kam mit und ging auch gleich wieder, da ihr Schlafplatz anrief. Ich legte mich gleich wohl schlafen. Stand später mit leichter Übelkeit auf und konnte nicht wieder einschlafen. Ich zwang mich zum Übergeben. Warum soll ich nicht. Hier muss ich mich übergeben. Es ist ja des Feindes Land. Danach schlief ich, schlief ich den Rausch weg. Schlief am Abend recht früh ein. Ging heute arbeiten. Bekam heute sogar Nachricht vom DJ. Spiele jetzt mir per Konserve die Einstürzenden Neubauten ab. Freue mich auf einen freien Tag morgen bzw. jetzt ist es heute. So gesehen erfolgreich das Wochenende erlebt. Nur Leute kennen gelernt, die gut drauf waren und nicht von hier kamen. Maybe next time.